Im Treibsand der Ukraine
IIC Berlin

Der Krieg in der Ukraine spitzt sich mehr und mehr zu.

Der Rückzug der russischen Truppen aus dem Norden der Ukraine und der Abbruch der Belagerung von Kiew, die Versenkung des Kreuzers Moskwa sowie die vermehrten Gegenoffensiven der ukrainischen Kräfte ziehen die „spezielle Operation“, wie Putin sie nannte, in die Länge. Es stellt sich die Frage, war der Militäreinsatz eine komplette Fehlkalkulation des russischen Militärs?

 

Die Kämpfe um Städte wie Kiew, Kharkiv und Mariupol standen in großen Teilen der Medien bisher im Vordergrund. Die humanitäre Situation ist katastrophal, die Zahl der zivilen Opfer werden von Tag zu Tag mehr. Es gibt nicht genug sauberes Trinkwasser und Nahrungsmittel, Fluchtkorridore sind nur teilweise vorhanden. Die Menschen sind gefangen zwischen Artilleriefeuer und Luftangriffen. Aus humanitärer Sicht ist die Lage menschenunwürdig. Die Berichte über Massaker wie in Butcha bestätigen die katastrophale Lage. Der Widerstand der Ukrainischen Kämpfer in Kiew, im Süden um Kherson und im Donbass lässt an eine russische Überlegenheit zweifeln. Auch der beschränkte Einsatz der russischen Luftwaffe in weiten Teilen der Ukraine lässt Zweifel daran, ob das russische Militär für einen solchen Einsatz tatsächlich vorbereitet war.

Erfolge feierten die russischen Streitkräfte größtenteils in den geostrategisch wichtigen Gebieten im Donbass und am Schwarzen Meer, hier sind große Teile des ukrainischen Staatsgebiets unter russischer Kontrolle. Durch den Abzug russischer Truppen aus Kiew und dem Norden Ukraines hat sich der Fokus mehr auf diese Gebiete gerichtet. Das aber auch auf ukrainischer Seite der Kampf um den Zugang zum Schwarzen Meer vermehrt in den Fokus rückt, zeigt nicht zuletzt auch das Versenken des russischen Raketenkreuzers. Durch Waffenlieferungen der Nato-Staaten und dem vermehrten Einsatz ausländischer Kämpfer spitzten sich die Kämpfe an den Kontaktlinien immer mehr zu einem Zermürbungskrieg zu. Es wird mit der aktuellen Strategie für das russische Militär auch immer schwerer, in den festgefahrenen Fronten neue Gebiete zu erobern.

Der Krieg zwischen Russland und Ukraine ist entgegen aller Erwartungen nicht zuletzt auch eine Materialschlacht. Das moderne Hightech Arsenal der russischen Kriegsindustrie ist seit dem Syrienkrieg der Weltöffentlichkeit bekannt. Dort machten die russischen Streitkräfte mit Präzisionsbomben, Marschflugkörpern und hochmodernen Luftabwehrraketen auf sich aufmerksam. Westliche Länder waren verblüfft über die totgeglaubten Fähigkeiten Russlands. NATO-Mitglied Türkei war sogar so beeindruckt, dass es trotz starker Einwände aus Washington Luftabwehrsysteme aus Russland kaufte. Ein Deal, welche die Türkei mit dem Ausschluss aus dem F-35 – Programm zahlte.
Die technologische Übermacht Russlands zeigt sich im Ukrainekonflikt jedoch nur schwer bis gar nicht. Ein Zustand, der Fragen aufwirft. War der Krieg eine komplette Fehlkalkulation Russlands oder war die Ukraine einfach sehr gut vorbereitet?

Eine Überraschung für Russlands Streitkräfte mag die noch relativ intakte ukrainische Luftverteidigung sein, welche der russischen Luftwaffe Kopfzerbrechen bereitet. In keinem Konflikt der letzten Jahrzehnte musste sich eine militärische Großmacht einer so fähigen Luftabwehr stellen wie die der Ukraine. Die Technik mag zwar teilweise veraltet sein, aber sie ist vorhanden und auf operativer Ebene in einem Geflecht von versteckten Luftabwehrstellungen eingebunden. Eine Fähigkeit, welche russische Militärs unterschätzt haben, da sie wie in Syrien vermehrt ungelenkte Bomben einsetzen, für welche die russischen Bomber tief in das Landesinnere eindringen müssen.

Eine weitere Fehlkalkulation des Kremls mag die unterschätzte Kampfbereitschaft der Ukrainer sein. Die Rhetorik, mit welcher die russische Regierung zu Beginn der Invasion den eigenen Soldaten eine Legitimation für den Einsatz gegeben hat, ist fast schon fahrlässig gewesen. Da es sich in der „speziellen Militäroperation“, wie Putin sie genannt hat, um eine politische Säuberung handelt. Diese Rhetorik suggeriert, dass die Bevölkerung Ukraines die russischen „Befreier“ willkommen heißen. Im östlichen russischsprachigen Teil der Ukraine mag dies teilweise zutreffen. Im Westen der Ukraine ist die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Russland jedoch sehr viel ablehnender. Die Speerspitze der russischen Invasion wird diese Ablehnung in der Entschlossenheit der ukrainischen Kämpfer in den ersten Tagen gespürt haben. Hinzu kam der auftauende Frühling und damit verbundene aufgeweichte Boden, welcher Bewegungen der russischen Truppen außerhalb der Landesstraßen unmöglich machte. In Kombination mit der zögerlichen Luftunterstützung waren russische Verbände wie auf einem Präsentierteller ukrainischen Hinterhalten ausgeliefert. Dass die russischen Streitkräfte jedoch überhaupt in der Lage waren, über ukrainische Landstraßen in kilometerlangen Konvois bis nach Kiew vorzurücken, verdeutlicht jedoch auch die Unfähigkeit des ukrainischen Militärs, sich der russischen Übermacht im offenen Feld gegenüberzustellen.

 

Ein Stellvertreterkrieg:

Die Unterstützung des ukrainischen Militärs durch Nato-Länder, allem voran der USA, kann allerdings als fundamentaler Aspekt des Krieges gesehen werden. Die militärische Operationszentrale der Ukraine wird weitestgehend von U.S. Militärs und Geheimdiensten besetzt sein. Die Informationsbeschaffung über Satelliten und Aufklärungsflugzeugen wie AWACS ist eine nicht zu unterschätzende Grundlage des ukrainischen Widerstandes. In Kombination mit hochmodernen westlichen Luft- und Panzerabwehrraketen sowie schweren Waffen und ausländischen Kämpfern nimmt der Krieg in der Ukraine die Ausmaße eines Stellvertreterkrieges an. Dies sieht zuletzt auch der russische Außenminister Lawrow als solchen. Der große Einfluss der USA auf das Ukrainische Militär kann bei der Frage der Rechtmäßigkeit russischer Sicherheitsinteressen auch zu einem Problem für die Glaubwürdigkeit des Westens werden. Im Kreml wird man die tiefe militärische Verankerung der USA in der Ukraine schon vorher antizipiert haben. Ein Beleg, der die russische Rhetorik nur noch weiter Beflügeln und die Fronten noch weiter verhärten wird. Denn in Europa fühlen sich die antirussischen Hardliner ebenso in ihrem tiefen Misstrauen gegenüber Russland bestätigt.

Betrachtet man den Ukrainekrieg als Stellvertreterkrieg, wird das Scheitern des russischen Militärs gleichzeitig nachvollziehbarer. Vorangegangene Erklärungsversuche mancher Experten, dass die Befehlsketten der russischen Streitkräfte oder die waffenverbundübergreifende Kommunikation nicht funktionieren, sind ohnehin nicht nachvollziehbar. In Syrien haben russische Aufklärungs- und Luftstreitkräfte mit multinationalen ausländischen Milizen am Boden einen hocheffektiven Krieg geführt. Man sollte annehmen, dass die Kommunikation innerhalb des russischen Militärs mit den eigenen Teilstreitkräften um einiges leichter fällt. Den russischen Soldaten eine komplette Inkompetenz als Ursache für dessen langsames Vorrücken zu unterstellen, verzerrt das Bild des Krieges und verharmlost die tiefe militärische Verankerung des Westens in der Ukraine, welcher der Schlüssel für den Widerstand und die Nachkriegsordnung sein wird.

 

Waffenlieferungen rücken in den Vordergrund.

Die Waffenlieferung an Ukraine spielen seit Beginn des Krieges eine fundamentale Rolle im Krieg. Allein Polen will über 200 Kampfpanzer vom Typ T-72 zusätzlich zu MiG-Kampfflugzeugen an die Ukraine schicken. Haubitzen, gepanzerte Fahrzeuge und Drohnen aus USA sind Teil der neuen Waffenlieferungen. Selbst ein S-300 Flugabwehr-Raketensystem aus der Slowakei soll an die Ukrainischen Streitkräfte gehen, das gleiche System welches Russland unter erheblicher Kritik des Westens an den Iran lieferte. Es kann davon ausgegangen werden, dass ohne Hilfe durch westliche Nachrichtendienste und militärischer Ausrüstung die ukrainischen Streitkräfte nicht in der Lage wären Russlands Vormarsch Mittel- oder Langfristig zu stoppen. Die Aufrüstung der Ukraine durch die NATO erinnert an Konflikten aus dem Kalten Krieg. Denn die Ukraine ist weder NATO- noch EU Mitglied und aktuell nur durch ihre geostrategische Lage zu einem Spielball der Interessen beider Seiten geworden.

IIC Berlin