Staatsverbrechen gegen Algerier
IIC Berlin

An der Schwelle zur Feier des sechzigsten Jahrestages der Unabhängigkeit Algeriens,

nach mehr als 130 Jahren abscheulicher Besiedlung, enthüllten kürzlich freigegebene Dokumente schreckliche Fakten:  Die Tötung von hunderten Algeriern in Paris durch Ertrinken, Ersticken und Erschießen. Ein Staatsverbrechen, dessen sich die höchste Instanz, vertreten durch General de Gaulle, bewusst war. Allerdings gab es kaum Untersuchungen, noch Bestrafung der verantwortlichen Täter für diese Verbrechen, die in der Hauptstadt der „Menschenrechte und Demokratie “ begangen wurden.

 

Die Geschichte beginnt damit, dass die geheimen französischen Behörden sehr wichtige historische Dokumente entfernten, von denen sich eines auf General de Gaulles Verwaltung der tragischen Ereignisse bezieht, die sich im Oktober 1961 in Paris gegen Algerier ereigneten.

Also genau während der großen algerischen Befreiungsrevolution gegen Französischer Kolonialismus (1954-1962), wobei die algerische Befreiungsfront (der damalige politische Flügel der Befreiungsbewegung) den Algeriern befahl, die von der französischen Polizei über die Algerier verhängte Ausgangssperre zu brechen und zu demonstrieren. Eine  illegale Maßnahme.

 

Algerier, Frauen und Männer, versammelten sich zur festgesetzten Zeit im Zentrum von Paris, überraschten mit ihrer großen Menge damit die französische Polizei, hielten Transparente hoch, die die Ausgangssperre anprangerten und ein unabhängiges Algerien forderten. Der Befehl kam direkt vom Pariser Polizeigouverneur Maurice Papon, die Demonstranten mit allen möglichen Mitteln, d. h. durch Erschießen, brutale Verhaftung oder Ertrinken in der Seine, niedergeschlagen werden müsse. In wenigen Stunden gab es Hunderte von Toten und Tausende von Inhaftierten.

 

Was die Polizei im Verbrechen der Dunkelheit vertuschen wollte,

waren die abscheulichen Verbrechen des vorsätzlichen Ertrinkens und der außergerichtlichen Hinrichtungen von militanten algerischen Polizisten, auf ausdrücklichen Befehl des Polizeigouverneurs. Einige von ihnen wurden in Protokollen festgehalten, die den höchsten Behörden Frankreichs übermittelt wurden, nämlich dem Innenministerium, dem Regierungspräsidium und dem Elysée-Palast, dem Sitz der von General de Gaulle geführten französischen Präsidentschaft.

 

General de Gaulle sah sich das Memorandum über die Geschehnisse an, machte seine Notizen darauf hin und forderte dann eine Untersuchung der Angelegenheit, ohne anzudeuten, dass die Täter bestraft werden sollten, und ohne die Wahrheit über das ganze Geschehene preiszugeben.

Nur ein Medienunternehmen sprach bisher über den Fall, die Website „Mediapart“ und ihr Eigentümer Odoi Plenil. Ihm wird zugeschrieben, dass er eine gründliche Untersuchung des Dokuments, des Ereignisses und der daran beteiligten Akteure durchgeführt hat. Es ging Plenil darum, angesichts dieses bisherigen Geschichts – Blackouts, Versöhnung und Erinnerung zwischen Algerien und Frankreich wieder her zu stellen, die historischen Beweise seitens Frankreich anzuerkennen, sich zu entschuldigen und die Opfer zu entschädigen, zumindest diejenigen, die noch am Leben sind, oder ihre Nachkömmlinge.

 

Das Dokument, was die Grundlage für die Aufdeckung des Verbrechens des französischen Staates bei dem besonderen Ereignis schafft, ist eine Notiz, die de Gaulles Berater für algerische Angelegenheiten, Tage nach den Ereignissen dem Präsienten vorgelegten, um ihn daran zu erinnern, was geschehen ist.

Dort sind die an den Ereignissen beteiligten Akteure aufgelistet. An erster Stelle steht beispielsweise der Gouverneur der Polizei, Baboun, und empfiehlt am Ende des Memorandums, dass Abschreckungsmaßnahmen gegen die Verantwortlichen für die brutalen Morde ergriffen werden sollten.

 

Die Medienberichterstattung der elektronischen Zeitung „Mediapart“ enthüllt, dass der General, nachdem er das Memo gesehen hatte, einige seiner Notizen darauf machte und eine Untersuchung der Ereignisse forderte. Wie die Zeitung jedoch kommentierte, ohne darauf hinzuweisen, dass die Täter bestraft werden sollten, und ohne die Wahrheit über das, was passiert ist, noch die wahre Zahl der algerischen Opfer und ohne die Beschreibung genauer Umstände, unter denen sie starben, preiszugeben.

 

Französische Historiker waren sich der Existenz offizieller Dokumente bewusst, die versuchten, das Verbrechen zu vertuschen, und sie erfüllten ihre wissenschaftliche Rolle nicht – mit Ausnahme von Jean-Luc Aynaudi.

 

Die Zeitung erklärte dann in einem Kommentar zu dem Dokument und der Position des Generals zu seinem Inhalt, dass der wahre Grund für die Vertuschung dieses Verbrechens darin bestand, dass der daran beteiligte Hauptverantwortliche der Polizei Gouverneur Baboon war, der den General sehr gut kannte.

Es stellte sich heraus, daß er in Kriegsverbrechen des zweiten Weltkrieges verwickelt war, als er schon die Position des Gouverneur der französischen Stadt Bordeaux inne wohnen hatte.

So arbeitete er in der Zeit des kalten Krieges mit dem deutschen Geheimdienst zusammen, deportierte Juden nach Bologna und Auschwitz. Diese Verbrechen verfolgten ihn bis Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, er wurde in der französischen Stadt Lyon vor Gericht gestellt.

Der andere, durch die Mediapart-Untersuchung aufgedeckter Beweis ist, dass französische Historiker sich der Existenz offizieller Dokumente bewusst waren, die versuchten, das Verbrechen zu vertuschen, und dass diese Akademiker ihre wissenschaftliche Rolle, mit Ausnahme des französischen Historikers Jean-Luc Aynody nicht erfüllten. Aynody veröffentlichte ein Buch über die Ereignisse und und gab Fakten an, wie zum Beispiel, daß es unter den Ertrunkenen, Toten und Vermissten in französischen Polizeistationen über Tage hinweg, zwischen 300 und 400 Opfer gegeben habe. Diese Verbrechen geschahen, laut seiner Recherche am 17. Oktober und setzte sich danach etwa zehn Tage lang fort.

Seltsamerweise hat der Historiker Stora, der auf der französischen Seite des Prozesses  als Diener der „Versöhnung der Erinnerung“ genannt wird, weder das Dokument, noch die von Mediapart veröffentlichte Untersuchung kommentiert.

Wünschenswert wäre es, daß Stora, zumindest als Historiker, eine Erklärung abgibt, die das Geschehene als Staatsverbrechen beschreibt.

Aber es setzt sich die Politik des französischen Staates fort, vorwärts zu fliehen – trotz aller Beweise, die bestätigen, dass die Behörden seit Beginn der Siedlung im Jahr 1839 Verbrechen nach Verbrechen begangen haben.

Französische Historiker haben die Namen französischer Politiker identifiziert und Soldaten, die Befehle erteilten und im Namen des französischen Staates jene Verbrechen begingen, die mindestens zehn Millionen Algeriern das Leben kosteten.

Algerien feiert weniger als einen Monat später, den sechzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit:  ein symbolisches Datum, durch das Frankreich unter Druck gesetzt werden kann, insbesondere nachdem es ein Modell der französischen Staatsverbrechen gegen die Algerier aufgedeckt hat.

Paris könnte auf den wirklichen Weg der Versöhnung gedrängt werden.

Es wäre sinnvoll, hier nicht nachzulassen und eine Enzyklopädie dieser Verbrechen herauszugeben und eine Liste französischer Kriegsverbrecher, sowohl des Militärs als auch der Politiker beim Namen zu nennen.

 

So würde Frankreich sich der Herausforderung stellen, an die historischen Verbrechen Frankreichs gegenüber Algerien zu erinnern.

IIC Berlin