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Getrennte Geschwister – Griechenland und die Türkei

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Getrennte Geschwister - Griechenland und die Türkei
IIC Berlin

Im Mittelmeer spielt sich seit Jahren ein weiterer Konflikt ab. Ein Konflikt zwischen zwei Nationen, die sich eigentlich näher sind und die mehr miteinander verbindet, als viele glauben mögen. Die Ursachen für den Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei sind genauso undurchsichtig wie unsinnig. Denn Türken und Griechen teilen eine sehr ähnliche Kultur und Mentalität, weshalb sie mehr verbindet als unterscheidet. Und trotz der Tatsache, dass beide Staaten zur NATO gehören und damit eigentlich Verbündete sein müssten, wird bis heute militärisch gegeneinander aufgerüstet.

 

Als das Osmanische Reich vor über 400 Jahren seine gewaltige Macht auch über das heutige Griechenland rollen ließ, hatte das Byzantinische Reich kaum eine Chance. Die damaligen Griechen waren nun eine Minderheit im bunten Osmanischen Reich und versuchten sich seit jeher ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen. Nachdem das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg stark geschwächt war, nutzte das 1827 gegründete Griechenland seine Chance der Revanche und marschierte in Anatolien ein. Die Griechen wurden jedoch von den Truppen Mustafa Kemal Atatürks zurückgedrängt. In dem darauf geschlossenen Friedensvertrag von Lausanne konnte die Türkei die damals im Vertrag von Sèvres festgehaltene Neuaufteilung des Landes unter den damaligen Kolonialmächten Italien, Großbritannien, Frankreich sowie Griechenland und Armenien revidieren. So zogen sich die heutigen Landesgrenzen der Türkei und Griechenlands sowie die endgültige Etablierung des heutigen türkischen Staates. Ein wichtiger Bestandteil bei diesen Vertragsverhandlungen war die Konvention zum Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei. Rund 1,2 Millionen anatolische Griechen wurden nach Griechenland zwangsumgesiedelt, während circa 400.000 Muslime aus Griechenland zurück in die Türkei vertrieben wurden. Ausgenommen von dieser Zwangsumsiedlung war die griechische Minderheit in Istanbul.

 

All diese Geschehnisse haben Nachwirkungen bis heute. Man spricht auch oft über eine Erbfeindschaft. Aber auch im 21. Jahrhundert scheinen Konflikte zwischen der Türkei und Griechenland immer wieder zu entfachen. Im Mittelmeer sollen sich nach Schätzungen große Ansammlungen an Rohstoffen befinden. So sucht die Türkei gezielt in von Griechenland beanspruchten Mittelmeerregionen nach Erdöl und Erdgas. Diese Untersuchungen werden dabei vom türkischen Militär begleitet, um ein mögliches Einschreiten von griechischer Seite zu vermeiden. Auf der anderen Seite steckt Griechenland rund 2,2 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes ins Militär, vermutlich aus Angst vor der Türkei. Und das, obwohl beide Staaten zur NATO gehören und somit eigentlich Verbündete sind.

Auch der Konflikt um die im Mittelmeer liegende Insel Zypern, die einen eigenen, der EU angehörenden Staat bildet und sowohl von Türken als auch von Griechen bewohnt ist, spielt eine nicht unwichtige Rolle. Der Inselstaat ist nämlich geteilt, in einen türkischen Teil im Norden und einen griechischen Teil im Süden. Als sich die griechischen Zyprioten einen Anschluss – Enosis – an Griechenland wünschten, intervenierte die Türkei im Jahre 1974 und wollte somit diesen Anschluss verhindern. Denn bereits damals lebte eine türkische Minderheit auf der Insel, die die Türken zu verteidigen suchten, angetrieben durch die Kolonialmacht Großbritannien, die Aufstände befürchtete.

Somit wurde 1983 die Türkische Republik Nordzypern ausgerufen, welche bis heute von keinem Staat anerkannt wird, außer von der Türkei selbst.

Diese Nachwirkungen sind eher politischer und wirtschaftlicher Natur. Wie aber steht es um die Beziehungen zwischen der türkischen und der griechischen Bevölkerung? Es scheint sich unter den muslimischen Türken und den griechisch-orthodoxen Christen in Griechenland eine gegenseitige Sehnsucht nach dem jeweils anderen breitzumachen. Und die beiden Völker verbindet mehr, als sie voneinander trennt. Durch den Vielvölkerstaat des Osmanischen Reiches, zu dem auch der Balkan und das heutige Griechenland gehörte, hat sich eine sehr ähnliche Kultur etabliert.

So teilen Türken und Griechen gemeinsame Werte der Musik und des Essens. Gerade die Esskultur ist sehr ähnlich. Beide lieben gutes Essen und essen dann auch ziemlich viel, nicht wie die restlichen Europäer, so viele Griechen. Und auch die Lust am weltlichen Wehmut werden gemeinsam geteilt, was sich nicht zuletzt in herzzerbrechenden Musikstücken äußert.

In dem am Mittelmeer liegenden Ort Kas leben heute wieder viele Griechen. Und auch wenn man viele türkische Einheimische fragt, haben die meisten von ihnen keine Probleme mit dem griechischen Nachbarn. So heißt es in einem Interview mit einem älteren Herren aus Antalya: „Vergangenes ist vergangen – die Griechen tun mir doch nichts und ich tue ihnen auch nichts.“ Genauso lebt im Norden Griechenlands wieder eine türkische Minderheit, die von Koranschulen sowie Schulunterricht in türkischer Sprache profitieren kann.

Mittlerweile fahren regelmäßig Fähren zischen den griechischen Inseln in der Ägäis und der Türkei. Viele Griechen kommen regelmäßig zum Einkaufen.

Durch Visa-Erleichterungen für die Türken wurden Reisen zu den benachbarten griechischen Inseln in der Ägäis erleichtert und sind nun unproblematisch möglich. Diese Reisen retteten besagte griechische Inseln nicht zuletzt vor einem touristischem und wirtschaftlichem Ruin während der Finanzkrise. Denn die türkischen Touristen füllten die Lücke, die ausbleibende europäische Touristen hinterließen. Die Griechen sind den Türken dankbar. Griechische Hotelangestellte lernen sogar die türkische Sprache, um es den anatolischen Gästen so angenehm wie möglich zu machen. Dieses Phänomen des Sprachenlernens für Touristen ist auch in den touristischen Gebieten der Türkei zu beobachten. So sprechen viele Türken Deutsch und seit Mitte der 2010er auch Russisch.

Viele Türken besuchen darüber hinaus das Geburtshaus Atatürk, das sich in Griechenland befindet und mittlerweile werden ganze Touren dorthin angeboten.

Auf der anderen Seite suchen viele politisch verfolgte Türken Asyl in Griechenland, welches ihnen auch gewährt wird.

Trotz politischer Dispute sind Griechen und Türken Nachbarn. Nicht nur geografisch, sondern auch im kulturellen und weltlichen Sinne. Der Neugierde und Sehnsucht des doch unbekannten Nachbarn wird immer mehr nachgegeben und so nähern sich die gleichen Nachbarn wieder an. Das Menschliche zählt und so lässt man die Erbfeindschaft innerhalb der Bevölkerung hinter sich und lässt die Vergangenheit ruhen. Denn die Gemeinsamkeiten wiegen mehr als die Unterschiede.

IIC Berlin